Archäologisches Museum HH

Katrin Schröder

© Photo: privat

Interview Archäologisches Museum Hamburg

INTERVIEWPARTNER

Die Gesprächspartnerin Katrin Schröder ist im Archäologischen Museum in Hamburg für den Bereich Online-Kommunikation verantwortlich. Derzeit untersucht sie die verschiedenen Kanäle des Museums hinsichtlich der Zielgruppen und gestaltet in Kooperationen mit ihren Mitarbeitern Strategien, wie die entsprechende Zielgruppe besser angesprochen werden könnte.

DIGITALER WANDEL

Gerade in den letzten Jahren ist aus Sicht des Archäologischen Museums die Bedeutung des digitalen Wandels enorm gestiegen. Auffällig ist, dass der Besucher nicht mehr nur vor Ort, sondern auch im Internet als Besucher aktiv wird.

„Wir unterscheiden jetzt zwischen dem Besucher vor Ort und dem digitalen Besucher. Ob der nun im Ausland sitzt und sich informieren möchte oder sich vorab informiert und dann in unser Haus kommt, oder im Nachhinein, um nochmal etwas nachzulesen.“

Während das Thema bis vor kurzem noch vom Leiter der archäologischen Sammlung, Dr. Michael Merkel, selbst betreut wurde, hat Katrin Schröder nunmehr vor vier Monaten die Aufgabe als freie Mitarbeiterin übernommen, weil das Museum der Auffassung ist, dass der digitale Wandel immer mehr an Bedeutung gewinnt. Derzeit kann sich der Besucher außerhalb der Öffnungszeiten des Museums auf verschiedenen Onlineplattformen über Angebote informieren und sich Zusatzinformationen beschaffen. Außerdem hat er die Möglichkeit, sich Ausstellungen online anzuschauen. Dadurch soll beim Besucher ein Interesse geweckt werden, sich die Ausstellung beim nächsten Mal auch im Museum selbst anzusehen. Derzeit sind die Angebote des Archäologischen Museums im Internet alle kostenlos. Ob eine Zahlungsbereitschaft bei den Nutzern vorhanden ist, sieht Katrin Schröder eher skeptisch. Wenn, dann sei die Vermarktung der Ausstellungskataloge als E-Books eine Option.

Digitale Produkte und Dienstleistungen

Das Archäologische Museum ist auf vielen verschiedenen digitalen Kanälen präsent, wie auf Twitter, Instagram, Youtube, Google+, Facebook und der eigenen Website. Außerdem ist das Museum Teil des Google Art Project und führt den eigenen Blog AMH. Die Bestände werden derzeit mithilfe von Google Data archiviert und online Interessenten zur Verfügung gestellt. So können Objekte aus dem Depot gezeigt werden, die derzeit nicht in der Ausstellung für den Besucher zu sehen sind. Das Museum entscheidet dabei selbst über den Content, welche Bilder und welche Texte im Internet publiziert werden. Die Ausstellungen und Objekte werden selbst digitalisiert und über das Google Art Projekt online gestellt, der virtuelle Rundgang wurde von Google Street View umgesetzt. Der Vorteil dieser Zusammenarbeit ist die kostenlose Bereitstellung der Software (CMS, Streetview und Gigapixel) durch Google sowie die weltweite Kommunikation des jeweiligen Auftritts über das Google Cultural Institute.

Als nächster Schritt ist die Umgestaltung der Website geplant. Sie wird responsiv werden und somit speziell für mobile Endgeräten ausgerichtete sein.

Durch den Austausch mit anderen Hamburger Museen wurde der erste InstaSwap im deutschsprachigen Raum umgesetzt. Ein InstaSwap ermöglicht den Tausch von Informationen wie Bildern oder Texten über Instagram. Dabei wird vorab festgelegt, zwischen wem der Austausch stattfindet. Beim InstaSwap #MuseumSwapHamburg besuchten sich vom 27. November bis zum 1. Dezember 2015 die Instagrammer von acht Hamburger Museen gegenseitig und schauten hinter die Kulissen.

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© Photo: Borkenau, Archäologisches Museum Hamburg

Das Archäologische Museum hat bislang drei mobile Apps entwickelt, die sowohl im Museum als auch im Hamburger Stadtgebiet nutzbar sind und sogar zu Hause auf dem Sofa Spaß machen:

1. Die App „AMH Guide“ des Archäologischen Museums bietet verschiedene Nutzungsmöglichkeiten. Neben einem Ausgrabungsspiel für Kinder kann die App als Guide für die Ausstellung genutzt werden. Jede Vitrine ist in der App aufgeführt und gibt dem Benutzer Hintergrundwissen zu den Objekten. Informationen können vom Besucher per App auf dem Smartphone oder Tablet als eigener mobiler Guide, per geliehenem Audioführer oder mithilfe eines schriftlichen Guides an der Kasse zur Ausstellung abgerufen werden.

2. Zusätzlich entstand die App „Fundpunkte“, ein City-Guide, der spannende Plätze wie etwa Orte mit Streetart, Parkanlagen und auch archäologische Fundstellen im Hamburger Stadtgebiet ortsbasiert vorstellt und illustriert. Alle Orte haben eine thematische Verbindung mit dem Archäologischen Museum.

3. Auch mit dem Google Cultural Institute wurde eine App entwickelt, hier galt es den für das Ausstellungsprojekt „Mythos Hammaburg“ entwickelten Content auch auf einem mobilen Device abzubilden.

Die Klickzahlen der Social Media Kanäle und der Website sowie die Downloadzahl der Apps sind für das Archäologische Museum von großer Bedeutung. Zukünftig sollen mithilfe von Google Analytics, Hootsuite und weiteren Monitoring Tools die Klickzahlen bezüglich der Nutzer sogar noch detaillierter analysiert werden.

„Monitoring ist für uns sehr wichtig. So kann kontrolliert werden, was, wann und wie oft angeklickt wurde.“

Bezüglich der Customer Journey wäre es optimal, wenn man diese genauestens verfolgen könnte, um die Ansprüche des Besuchers bei konzeptionellen Überlegungen umzusetzen. So berichtet Katrin Schröder, dass die Customer Journey zwar als Hintergedanke bei der Planung von Aktivitäten im Museum vorhanden, jedoch derzeit noch schwer einzuschätzen und umzusetzen ist.

Neben dem themenspezifischen Hammaburg-Blog wurde im Sommer 2015 ein weiterer Blog des archäologischen Museums angelegt: der Blog AMH. Durch Katrin Schröders Erfahrung aus anderen Kulturinstitutionen gestaltete sie ihn selbst. Jedoch schreibt sie die meisten Blogeinträge nicht selbst. Vielmehr motiviert sie beispielsweise die Archäologen selbst neue Einträge zu verfassen.

„Der Blog soll einen Blick hinter die Kulissen geben, in dem die Experten selbst zu Wort kommen.“

Das Museum ist digital auf vielen verschiedenen Kanälen vertreten und insgesamt im Internet gut aufgestellt. Im Vergleich fließt in das klassische Marketing jedoch immer noch mehr Geld als in die digitale Vermarktung. Jedoch sei es schwer eine Bewertung diesbezüglich auszusprechen, da beide Bereiche ineinandergreifen.

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© Photo: Borkenau, Archäologisches Museum Hamburg

Besucher

Die Besucher des Archäologischen Museums Hamburg werden auf verschiedene Art und Weise angesprochen und unterscheiden sich bei der Verteilung auf den Kanälen insbesondere hinsichtlich ihres Alters. Die Generation 50+ wird zum Beispiel primär durch Pressebeiträge und Printmedien angesprochen. Demgegenüber sei unter den Followern bei Facebook und Twitter verstärkt die Altersgruppe zwischen 25-50 Jahren zu erkennen. Dabei sind es mehr Männer als Frauen, die diese Plattformen besuchen. Bei Instagram ist die Zielgruppe wiederum deutlich jünger.

Gerade durch die Zusammenarbeit mit Schulen können, so zeigen die Erfahrungen des Archäologischen Museums, noch jüngere Besucher ins Museum gelockt werden. Hier versuchen die Verantwortlichen, die Jugendlichen auch langfristig etwa durch Instagram an das Museum zu binden, um ihr Interesse aufrecht zu erhalten. Gerade durch die breite Masse an Medien, die das Museum bedient, sollen verschiedene Zielgruppen unterschiedlich angesprochen werden.

„Vielleicht sollte man snapchat noch bedienen. Jedoch ist es auch wichtig, dass man sich nicht übernimmt. Wenn man einen Kanal öffnet, sollte er auch gut bespielt sein und dort wirklich regelmäßig etwas stattfinden.“

Dabei ist auch die Interaktion durch Kommentare und Fragen mit den Nutzern äußerst wichtig. So spielen der Aufbau und die Pflege von Communities für das Archäologische Museum eine entscheidende Rolle. In sozialen Medien sind Diskussionen wichtig und sowohl für die Diskutierenden als auch für Katrin Schröder selbst interessant. Bei spezifischen Fragen wurden sogar schon bestimmte Stücke aus den Vitrinen mit den Archäologen herausgeholt, um diese adäquat beantworten zu können. Durch den entstandenen wissenschaftlichen Dialog mit den Experten merke man, dass die Kommunikation erfolgreich ist und der Nutzer mit seinen Fragen ernst genommen wird.

TOP 3 DIGITALWÜNSCHE

Ausbau bestehender Projekte.

Eine höhere Anzahl an Blogger- und Community-Events.

Eine von Künstlern und Archäologen entwickelte multimediale Begleitung von archäologischen Ausstellungen.

TECHNOLOGIE

Das Archäologische Museum Hamburg hat sich in den vergangenen Jahren eine komplexe IT-Struktur aufgebaut, die sämtliche Bereiche des Hauses abbildet. In einer MindMap wird diese Struktur abgebildet und ständig erweitert. Die Struktur betrifft interne Vorgänge wie Inventarisierung und Datensicherung, Hardware oder die Bereitstellung eines öffentlichen WLans für den User, aber auch die Bereiche digitale Wissenvermittlung und Onlinekommunikation. Im Archäologischen Museum wird in diesem Zusammenhang deshalb auch von einer umfassenden IT-Strategie gesprochen. Michael Merkel, als Sammlungsleiter und IT-Koordinator ist für diesen Arbeitsbereich des Museums verantwortlich.

Es gibt Mitarbeiter, primär studentische Hilfskräfte, die an der digitalen Archivierung arbeiten und das Museum tatkräftig unterstützen. Der Blog wird ohne externe Unterstützung im Haus selbst programmiert und überarbeitet. Für die eigene Website wäre es wünschenswert, wenn das Archäologische Museum durch einen Entwickler oder eine Agentur unterstützen werden würde.

Mitarbeiter

Dr. Michael Merkel ist primär für den IT-Bereich zuständig und koordiniert diesen. Unter den Mitarbeitern gibt es einige digital Affine als auch deutlich dem Analogen verhaftete Kollegen. Hier wird versucht, gerade in der internen Zusammenarbeit die Wichtigkeit des digitalen Wandels insbesondere auch für kulturelle Institutionen zu vermitteln. Im Bereich Online Kommunikation wird mit den Mitarbeitern stetig diskutiert und Weiterbildungen vorangetrieben. So wurde beispielsweise kürzlich Christian Gries von den Kulturkonsorten für einen Tag ins Haus geholt, um die Mitarbeiter intern im Bereich Online-Kommunikation weiterzubilden.

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© Photo: Borkenau, Archäologisches Museum Hamburg

Wettbewerb

Als Inspirationsquelle dienen verschiedene kulturelle Institutionen in Europa und in den USA. Durch verschiedene Kanäle, wie beispielsweise Facebook oder Twitter, werden sie beobachtet, um Ideen zu sammeln. Interessant sind für Katrin Schröder auch verschiedene Bar-und StartCamps für den Kulturbereich, um auch mit anderen Institutionen wie dem Theater zu kommunizieren, sich kennenzulernen und auszutauschen. Gerade in Hinblick auf die breite Masse sei auffällig, dass im Kulturbereich verhältnismäßig wenig bezüglich der digitalen Entwicklung passiert. Gründe hierfür seien ein Mangel an Budget, an Kompetenzen und Fähigkeiten, an ausreichenden Kapazitäten sowie ein geringer Stellenwert des digitalen Wandels allgemein.

Entsprechend sei es enorm wichtig, das Digitale mit dem Analogen, und das Analoge mit dem Digitalen zu verbinden und neue Formate zu erschaffen, die die Besucher binden. Dabei sollte nicht nur mehr Budget zur Verfügung gestellt, sondern auch das Personal einbezogen werden, um über ein kreatives Brainstorming neue Ideen zu entwickeln. Die freie Wirtschaft ist hier ein spannender Kooperationspartner. Das Archäologische Museum arbeitet beispielsweise mit IBM zusammen.

Dies schließt natürlich nicht das Ziel aus, die Besucherbindung weiterhin zu stärken, zu erweitern und die Besucher anzusprechen. Schließlich geht es nicht darum, das Analoge durch das Digitale zu ersetzen.

Zu den Top 3 Digitalprojekten, die das Archäologische Museum ungeachtet von Budgetgrenzen umsetzen würde, gehören:

1. Der Ausbau bestehender Projekte, vor allem in Hinblick auf das Projekt Watson (Anm. eCulture Centre: kognitives Computerprogramm, von IBM entwickelt).

2. Außerdem wäre eine höhere Anzahl an Events wünschenswert, zu denen verschiedene Blogger und Communities ins Haus eingeladen werden, um Digitales und Analoges noch stärker zusammenzubringen.

3. In Kooperation mit Künstlern und Archäologen wäre es spannend in einem Brainstorming Ideen zu entwickeln, wie beispielsweise eine Ausgrabung über die Restaurierung bis zur Ausstellung im Museum multimedial begleitet werden könnte, um auch den Besuchern die Arbeitsschritte und die Thematik näher zu bringen. Der Besucher würde nicht nur Dinge sehen, die ihm derzeit noch verborgen bleiben. Vermutlich würde diese neue Technik auch mehr Menschen ins Museum locken.

Allerdings soll das Digitale ein zusätzliches Angebot zum Analogen sein und dieses nicht ersetzen.

Digitalstrategie

In Bezug auf neue Innovationen ist Michael Merkel der Vorreiter des Archäologischen Museums. Er befasst sich mit neuen Ideen, tauscht sich aus, wägt ab, ob die Idee umsetzbar ist und liest sich in die Thematik ein. Dabei wird er von anderen Abteilungen und auch von Prof. Weiss, Direktor des Archäologischen Museums, unterstützt.

Insgesamt ist eine Akzeptanz bei den Mitarbeitern vorhanden, die je nach Interesse mal stärker und mal weniger stark ausgeprägt ist. So kann beispielsweise ein positives Feedback nach einem Blogeintrag das Interesse der Mitarbeiter stärken. Letztendlich sind Michael Merkel und Katrin Schröder für die digitale Kommunikation, für die Innovationen und Umsetzungen in dem Bereich verantwortlich.

Derzeit wird an einer Digitalstrategie gearbeitet, in der untersucht wird: Wer sind die Zielgruppen? Wie werden sie erreicht? Welche Kanäle werden wie stark genutzt und wie können die Kanäle optimiert werden? Dabei wird jede Technologie, Zielgruppe und jeder Kanal analysiert und bezüglich seines Mehrwertes hin analysiert.

Die Verantwortlichen des Archäologischen Museums halten es für einen großen Fehler, dass ein Großteil der Museen weltweit immer noch auf die in den 1990er Jahren geschaffenen Pressestellen setzt, obwohl sich die Möglichkeiten für Produkte zu werben – auch für Kultur und Wissen – so stark geändert haben. Für das Archäologische Museum ist der digitale Wandel vor diesem Hintergrund ein spannendes und sehr wichtiges Thema, denn noch nie hätten so viele Tools zur Verfügung gestanden, um für Kultur bzw. Archäologie so breit werben zu können. Katrin Schröder sieht hier Möglichkeiten, wie z.B. über digital Storytelling, durchaus auch einen spielerischen Aspekt in die Ausstellungskonzepte integrieren zu können.

Auf einer Skala von 1-5 (1=sehr gering, 5=äußerst stark) bewertet das Archäologische Museum die Relevanz des Digitalen Wandels daher mit einer 5.